Warum mich Hoi An enttäuscht hat

Überdachte japanische Brücke

Reisejahr: 2014

Wie einem eine Stadt gefällt, hängt ja meistens von den Erwartungen ab, mit denen man anreist.

Der Lonely Planet bezeichnet Hoi An als die „perfekt erhaltene historische Hafenstadt“ oder auch „Vietnams atmosphärischste Stadt“. Bekannt ist die Stadt in Zentralvietnam für ihre Schneider, schwimmenden Märkte und die alte, überdachte japanische Brücke sowie ihre vielen kleinen Shophouses, die in Reihen direkt nebeneinander stehen.

Überdachte japanische Brücke
Überdachte japanische Brücke von 1593

Wie ich mir Hoi An vorgestellt habe:

Ich hatte mir Hoi An als eine authentische kleine Hafenstadt vorgestellt, in der die Uhren noch etwas langsamer ticken. Hier und da würde ein alter Schneider ein kleines Geschäft betreiben. Dabei würde es sich um einen alten Mann mit weißem Bart handeln, der das Geschäft bereits in x-ter Generation betreibt. Ich dachte daran, dass man alle hundert Meter einen aufgebrühten, selbstgemachten Tee bekäme und durch die Gassen schlendern würde, in denen im Wesentlichen Privathäuser zu finden wären. Alle paar Tage würde vielleicht ein Markt auf dem Wasser stattfinden usw.

Wie Hoi An tatsächlich ist:

Privathäuser findet man in der Altstadt von Hoi An eigentlich nicht. Hier steht ein Geschäft neben dem anderen. Die meisten Geschäfte sind Schneider, viele davon Ketten, die ganze Bücher mit Ausschnitten von europäischen Modeprospekten vorrätig haben. In diesen können sich Touristen ihre Kleidung auswählen. Vietnamesische Kunden findet man in den Geschäften nie. Zwischen den Schneidern stehen viele Souvenirgeschäfte und immer mal ein Café, das sehr westlich orientiert ist. Überall wird einem hinterhergerufen „Wanna buy something?“ oder „Boat trip? 1 hour!“ Die Schneider sind extrem günstig, haben aber auch nur eine geringe Auswahl an Stoffen.

Oder wie Philipp Laage in „The Travel Episodes“ schreibt:

Hoi An, so scheint es, existiert nämlich allein zu dem Zweck, dass Touristen mit flüchtiger Aufmerksamkeit hindurchschlendern und Geld ausgeben.

Schöner Fluss. Die Damen in den Ruderbooten warten auf Kunden.
Schöner Fluss. Die Damen in den Ruderbooten warten auf Kunden.

Mir war das leider alles ein bisschen zu Phantasialand-mäßig. Vietnam ist eines meiner liebsten Reiseländer. Dennoch beobachte ich diese extremen Anpassungen von Orten an den Tourismus immer wieder. Da ist zum Beispiel das Mekong-Delta und die Dörfer Pom Coong Village und Lac Village bei Mai Châu. Wer das mag, ist in Hoi An genau richtig. Wem das nicht gefällt, der ist in Hanoi bestens aufgehoben.

Übrigens: Wer sich in Asien gerne etwas schneidern lassen möchte, bekommt an der Nanpu-Brücke in Shanghai eine fantastische Auswahl an Schneidern, die viele verschiedene Stoffe und gute Modelle haben.

Fluss in Hội An
Fluss in Hoi An
Uferpromenade
Uferpromenade

4 Kommentare

  1. Bin grad auf deine Seite gestoßen und wenig später über den Bericht über Hoi An gestolpert.

    Und ich bin so froh, dass auch mal wer der gleichen Meinung ist wie ich. :) Sonst lese ich immer von diesen Schwärmereien, die ich einfach überhaupt nicht verstehen kann. Ich hab Hoi An überhaupt nicht ausgehalten, sag immer, es war wie Disneyland auf Vietnamesisch und dabei kann ich dem echten Disneyland eigentlich mehr abgewinnen als Hoi An.

    Hab auch einen Bericht über Hoi An geschrieben, vielleicht hast du ja auch Lust drauf von den Enttäuschungen anderer zu lesen :D
    http://www.inextenso.at/vietnam/hoi-an-disneyland-auf-vietnamesisch

    Liebe Grüße

    1. Liebe/r inextenso,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich wurde für diesen Artikel einmal von einem Forum-Moderator angegriffen, der meinte, ich könne jawohl niemals da gewesen sein. :D Es ist nett, auch mal Verständnis für die fehlende Begeisterung für Hoi An zu bekommen :)

      Ich lese deinen Artikel gleich mal durch.

      LG
      Lara

  2. Oliver sagt: Antworten

    Hallo,

    wir waren in den Tagen kurz nach Weihnachten in Hoi An – und uns ging’s ähnlich. Klar, das Städtchen selbst ist eigentlich schon hübsch, und ein Blick in die alten Kaufmannshäuser und Versammlungshallen lohnt unbedingt. Dass aber in jedem einzelnen Haus entweder ein Schneider seine Dienste anbietet oder Touristenkram (und zwar ausschließlich) verkauft wird, nimmt viel von dem Charme. Ich nenne Hoi An seither das vietnamesische Metzingen – die ganze Stadt ein einziger Fabrikverkauf. Jedenfalls war ich nicht böse, nach drei Tagen weiterfahren zu dürfen. Zwei Tage hätten zum Besichtigen (incl. Radeln ins Umland) auch ausgereicht.
    Liebe Grüße
    Oliver

    1. Hallo Oliver,
      danke für deinen Kommentar. Ich stimme zu.

      Beste Grüße
      Lara

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