Isfahan und das Spiel mit der Macht

Basar in Isfahan

Isfahan, auch »Die halbe Welt« genannt, gilt als die schönste Stadt im Iran. Sie ist eines der beliebtesten Touristenziele des Landes. Die Stadt liegt 6 1/2 Busstunden südlich von Teheran oder 3 Stunden von Kaschan. Zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten gehören der Naqsh-e Jahan Square, sowie die beiden Moscheen auf diesem und die Si-o-se Pol-Brücke.

Am Naqsh-e Jahan Square befindet sich ein Basar, auf dem im Wesentlichen Souvenirs verkauft werden. Er ist verknüpft mit dem Hauptbasar auf dem auch die Einwohner Isfahans einkaufen gehen. Dieser ist jedoch von Freitag bis Sonntag geschlossen. Es ist Donnerstag Abend, unser erster Abend in Isfahan.

Ali Qapu Palast und der Weg der geheimen Frauen

Auf dem Touristenbasar spricht uns ein junger Mann an, der uns das Areal des Naqsh-e Jahan Square zeigen möchte. Er rattert in relativ hoher Geschwindigkeit Fakten über den Platz herunter, berichtet von der Frauenmoschee (Masjed-e Sheikh Lotfallah) und dem gegenüberliegenden Ali Qapu Palast. Ein Herrscher habe mit seinen Frauen im Palast gewohnt. Niemand wusste, wie viele Frauen er hatte und wie diese aussahen. Unter dem Platz wurde ein Tunnel gebaut, sodass die Frauen des Herrschers unbeobachtet zur Moschee gehen konnten. Unser Spontan-Guide erzählt uns diverse Details, die er selbst von allen möglichen Menschen aufgeschnappt hat, die sich jeden Tag auf dem Platz unterhalten. Da ist zum Beispiel die Geschichte über die Musiker. Oben im Palast war ein Musikraum, der ein enormes Echo erzeugte. Die Musiker spielten und verließen den Palast. Das Echo spielte die Musik 45 Minuten lang weiter, sodass der Scheich seine Frauen vor den Musikern verstecken konnte. Der junge Iraner ist gut gelaunt und sehr offen.

Ali Qapu Palast
Ali Qapu Palast

Erst als ich ihn frage, wie die beiden Religionsführer heißen, die auf dem Palast zu sehen sind, wird er ernst: »Warum fragst du etwas über Politik? Warum tust du das?« Ich wusste zwar, dass man Iraner nicht auf Politik ansprechen soll, aber Chomenei und Khamenei sind einfach überall abgebildet. Nach Chomeini sind diverse Straßen, sowie der Flughafen in Teheran benannt. Da ich die beiden, wegen der Ähnlichkeit ihrer Namen, ständig durcheinander bringe, war meine Frage eigentlich völlig unproblematisch und hieß so viel wie: »Welcher war nochmal welcher?« Ich sage aber jetzt erst einmal nichts mehr zu den beiden Herren. Unser neuer Kollege wird trotzdem etwas hektisch, versucht das bereits erloschene Thema weiterhin abzuwürgen. Fünf Schritte weiter sagt er plötzlich doch die Namen der beiden Religionsführer und fügt hinzu: »Ich bin nicht an Politik interessiert. Politik ist das Spiel mit der Macht.«

Das Spiel mit der Macht

Am zweiten Tag in Isfahan möchten wir uns eigentlich zuerst den 40-Säulen-Palast ansehen, bemerken dann aber vor Ort, dass der Palast weder schön, noch (für uns) interessant ist und sparen den Eintrittspreis. Wir machen uns stattdessen auf zur Masjed-e Sheikh Lotfallah, der gestern bereits angesprochenen Frauenmoschee, die aber geschlossen zu sein scheint. »Hey, wonach sucht ihr? Kann ich euch helfen? Ich habe euch gestern schon hier gesehen.«, ruft ein junger Iraner, der an einem Souvenirshop steht. Er erklärt, dass die Moschee in einer halben Stunde öffnet. Er möchte mit uns einen Kaffee trinken. »Klar, warum nicht.«

Masoud (Name geändert) erzählt uns, dass er seit vier Jahren bei Couchsurfing angemeldet ist. Er hat ständig Europäer zu Gast. »Kennt ihr das Buch Couchsurfing im Iran? Der Typ war bei meinem Freund zu Gast.« Ich kenne das Buch. Ich habe es letztes Jahr am Strand in Indonesien gelesen. »Jeder Tourist aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden hat das Buch gelesen.«, sagt Masoud, »Alte Leute in Gruppentouren wissen, was Couchsurfing ist, weil sie dieses Buch gelesen haben.«

Masoud fragt uns, wie wir auf den Iran als Reiseziel gekommen sind. Genau genommen wäre die korrekte Antwort: 2009 war die Revolution gegen Ahmadinedschad. Das war das erste Mal, dass ich näher über den Iran und die jungen Perser nachdachte, die dort auf dem Platz in Teheran gegen Wahlmanipulation demonstrierten. Viele von ihnen bezahlten mit Freiheitsstrafen und Peinigungen. Ahmadinedschad tat sie als Fans des Verliererteams nach einem Fußballspiel ab. Als ein Iraner in einer Nachrichtensendung sagte: »Unser Land ist wunderschön. Aber unsere Politik zerstört unser Leben.«, fing ich an, mehr über den Iran zu recherchieren. Später (2014) erzählten uns zwei Tschechen in Hongsa, Laos, dass sie in den Iran gereist sind. Sie waren völlig begeistert und erklärten, wie einfach es ist, das Land zu bereisen, weil die Menschen so hilfsbereit sind. Als wir vor drei Monaten (Februar 2016) in der Tagesschau sahen, dass die Reformpartei weitere Plätze im Parlament bekommen hat, buchten wir unseren Flug. Was soll ich also jetzt antworten, in einem Land, in dem ich laut Reiseführer und dem Internet nicht von mir aus über Politik sprechen soll? Ich sage jedes Mal das gleiche: »Wir haben zwei Tschechen in Laos getroffen, die uns erzählten, wie schön der Iran ist.«

Später bemerke ich, dass Masoud lieber die lange Antwort gehört hätte. Er redet nämlich gerne über Politik. »Kennt ihr Ahmadinedschad? Er war das Schlimmste, was dem Iran passieren konnte. Er hat den Iran völlig versaut.« (Entkräftet übersetzt, Masoud hat eigentlich ein starkes Schimpfwort benutzt.) Er erzählt, dass ein Freund von ihm bei der Revolution ins Gefängnis gesteckt wurde. »Ahmadinedschad hat zwei Wahlperioden regiert. Aber er wurde gar nicht wiedergewählt. Er hat die Wahl manipuliert.« Ihm gefällt Rohani besser, aber auch er habe nicht genug Macht, um das Land komplett zu reformieren. Ich sage: »Das Problem ist, dass der obere Religionsführer bestimmt, wer überhaupt als Präsident kandidieren darf und wer nicht.« – »Genau! Das ist das größte Problem, das wir haben. Exakt das ist das ist größte Problem, das wir haben.«

Die Kopftuchpflicht für Frauen, sagt er, sei das größte gesellschaftliche Problem im Iran: »Es ist das größte Problem zwischen Männern und Frauen.« Dann korrigiert er sich: »Nein, es ist das zweitgrößte Problem. Das größte Problem zwischen Männern und Frauen im Iran ist Sex. Man muss Jungfrau sein, um zu heiraten. Ok, das ist eigentlich egal, man behauptet es einfach bei der Hochzeit. Aber weil ich nicht verheiratet bin, kriege ich zum Beispiel keine neue Wohnung. Die Miete für meine aktuelle Wohnung wurde massiv erhöht. Das ist sie gar nicht wert. Aber wenn ich mich für eine neue Wohnung bewerben möchte, fragt mich der Vermieter, ob ich verheiratet bin. Wenn ich dann nein sage, kriege ich die Wohnung nicht.« Er erzählt uns, dass es völlig bescheuert ist, dass Frauen Oberteile tragen müssen, die den Hintern verdecken. »Was für ein Unsinn, und dann noch diese Kopftücher.«

Masoud erzählt uns, dass viele Iraner ins Fitness-Studio gehen, wo Männer und Frauen getrennt trainieren. Frauen dürfen dann das Tuch abnehmen und normale Sportkleidung tragen. »Aber eine erfolgreiche Profischwimmerin wird eine iranische Frau wohl kaum werden können.« Er bringt an, dass man mit der ganzen Kleidung jawohl schlecht Delphinstil schwimmen kann. Masoud macht sich lustig über die Kleidungsvorschriften. »In ein paar Jahren haben wir diese Vorschriften bestimmt nicht mehr. Das hoffe ich zumindest.«

Wie seine Gäste beim Couchsurfing, möchte Masoud reisen. Aber er hat nicht so viele Möglichkeiten. In viele europäische Länder wird er nur gelassen, wenn er eine Versicherung abschließt, die er und die meisten anderen in seinem Alter gar nicht bezahlen können. Er sagt, damit versuchen europäische Länder Iraner auszusperren, die eventuell einfach da bleiben würden. »Vor dem Flüchtlingsstrom war das schon so. So kommen nur die Reichen ins Ausland.« Er kann in die Türkei und nach Südostasien reisen. Über Ramadan möchte er nach Istanbul fliegen. Da sei es zu langweilig im Iran. Die Türkei wäre viel moderner. Dort wäre Ramadan kein Problem.

Er fragt uns, mit welcher Airline wir fliegen und was die Tickets gekostet haben. Wir haben einen Direktflug zurück von Teheran nach Frankfurt mit der Lufthansa. Er ist verblüfft: »Ein Direktflug? Das hat Rohani gemacht. Vor der Präsidentschaft hat er eine Liste vorgelegt und Direktflüge nach Europa standen mit drauf. Es wird alles ein bisschen besser, Schritt für Schritt.«

Masjed-e Sheikh Lotfallah

Eintrittspreis: 200.000 IRR

Nach dem Gespräch hatte die Frauenmoschee natürlich längst wieder geöffnet. Es ist eine ganz kleine Moschee mit nur zwei Räumen. Der Hauptraum ist groß und die Kuppel von innen wunderschön verziert. Außerdem gibt es einen kühlen Raum mit niedrigeren Decken im Untergeschoss.

Pol-e Si-o-Seh

Die Pol-e Si-o-Seh-Brücke hat 33 Pfeiler. Sie ist gerade in der Abenddämmerung schön anzusehen. Eintritt ist hier nicht zu entrichten. Die Pol-e Si-o-Seh-Brücke ist eine reine Fußgängerbrücke.

Armenisches Viertel (Jolfa)

Eine Busfahrt in Isfahan: 10.000 IRR, Eintritt Vank Kathedrale: vergessen, vermutlich um die 150.000 IRR

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus ins armenische Viertel. Es nennt sich Jolfa nach der Stadt Jolfa im Nordosten des Landes, in der viele christliche Armenier wohnten. Es waren vor allem gute Kaufleute, Firmengründer und Künstler darunter. Diese wurden unter Shah Abbas I nach Isfahan geholt, weil er ihre Fähigkeiten nutzen wollte. Noch heute wohnt die christliche Minderheit Isfahans in Jolfa. Deswegen ist es auch als christliches Viertel bekannt. Ich persönlich finde, dass Jolfa das europäischste Viertel in Isfahan ist. Es scheint besonders hippe, moderne, junge Iraner anzuziehen, die eher zur Mittel- bis Oberschicht gehören. Die Gassen sind sauber und grün. Die Haupt-Sehenswürdigkeit im armenischen Viertel ist die Vank Kathedrale. Es ist eine bunt verzierte kleine Kirche. Von außen sieht sie fast aus wie eine Moschee. Von innen erzählen diverse Fresken die bekanntesten Inhalte der Bibel wieder: Jesu Geburt, seine Kreuzigung oder auch die Einteilung in Himmel, Erde und Hölle.

Auch im armenischen Viertel spricht uns ein junger Iraner an. Er erzählt uns mit Stolz, er habe den ältesten Couchsurfing-Account der Stadt. Aufgrund seiner vielen Gäste aus Deutschland und einem Intensivkurs spricht er besser Deutsch als ich Französisch. Er ist sehr nett, versucht uns aber leider penetrant ein Guesthouse in der Wüste aufzuschwatzen. Ähnlich wie die Herren der Vorabende fängt er aber genau so plötzlich an, über Politik zu sprechen: »Mein Freund, dem das Guesthouse gehört, sitzt im Gefängnis. Sie haben ihn für drei Monate eingesperrt, weil er ein Interview im französischen Fernsehen gab. Das französische Fernsehen wollte die Wüste filmen und hat ihm ein paar Fragen gestellt. Eine Frage war, was er von Religion halten würde. Er sagte, Religion sei wie ein P***s. Es wäre gut einen zu haben, aber man sollte ihn nicht jedem zeigen. Daraufhin wurde er eingesperrt. Er ist ein cooler Typ und er hat Recht. Iran drängt jedem die Religion auf.«

Die Gastfreundschaft im Iran

Es passiert uns immer wieder in der ganzen Stadt. Wir wollen in ein Taxi steigen. Eine ganze Familie steht hinter uns und hilft uns den Preis zu verhandeln. Sie schreien den Fahrer an: »Los, jetzt fahr sie für 6 Toman!« Wir steigen in einen Bus. Alle Frauen drehen sich zu uns um, stellen Fragen, erzählen aus ihrem Alltag, wollen uns mit allem helfen, Tipps geben, steigen mit uns aus und gehen mit uns den Weg, damit wir unser Ziel nicht verfehlen. Wir werden überall zum Tee eingeladen. Junge Frauen fragen uns nach Selfies auf denen wir aussehen, als wären wir seit Jahren befreundet. Die Menschen sind offen, ehrlich, berichten von sich und wollen ihre Sprachkenntnisse verbessern. Immer wieder sagen uns Fremde auf den Straßen im Vorbeigehen: »Willkommen im Iran!«

Die iranische Gastfreundschaft
Die iranische Gastfreundschaft

Wir bekommen immer wieder dieselben Fragen gestellt:

  • Wie gefällt es euch hier?
  • Wie viele Tage seid ihr unterwegs?
  • Wo wart ihr schon, wo fahrt ihr noch hin?
  • Können wir E-Mail-Adressen / Telefonnr. tauschen?
  • Macht ihr Couchsurfing?
  • Was macht ihr beruflich? / Seid ihr Studentinnen?

Teilweise stellen sie aber auch Fragen wie:

  • Wie seid ihr darauf gekommen, hier hinzureisen?
  • Denkt man in Deutschland, wir hätten Krieg im Iran?
  • Denkt man in Deutschland, es wäre gefährlich im Iran?
  • Wie berichten die Medien in Deutschland über den Iran?
  • Hattet ihr Angst, in den Iran zu reisen?

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