Weihnachten in Shanghai

Teddytanne und ein Mädchenchor im Einkaufszentrum in Shanghais Innenstadt

Reisejahr: 2008

Vor sechs Jahren war ich über Weihnachten als Praktikantin in Shanghai. Es war nicht so kalt wie in Deutschland, aber auch irgendwie nicht so weihnachtlich oder vielleicht doch, aber anders. Damals habe ich auch schon gebloggt und folgendes zusammengeschrieben:

Chinas Antwort auf Weihnachten

Ich sage es nur ungern… und so sehr ich dieses Land mag, so sehr es mich begeistert und irgendwo ist es ja nicht einmal etwas Negatives… die Chinesen können einfach überhaupt nicht mit Weihnachten umgehen. Und ich bin sicher, wenn der Westen nicht vormachen würde, dass dieses Fest kommerzialisierbar ist, würde ich hier nichts von dem Unterschied zu gewöhnlichen Wintertagen mitbekommen. Aber ich habe es mir ausgesucht, da bin ich nun und ich bin froh darüber.

Ein Rückblick: Weihnachten letztes Jahr

Es ist kalt, sehr kalt, aber es schneit nicht in New York City. Ich steige mit meiner neuen Jeans und neuem Pullover in die U-Bahn und fahre über die Brücke nach Brooklyn. Heiligabend verbringe ich auf der Brooklyn Bridge und ich schaue mir von der Fähre aus die Freiheitsstatue an. Ich gehe bei Macys und 21st Century einkaufen. Ich sehe Breakdancer auf der Straße. Ich bin in der Stadt, in der Weihnachten erfunden zu sein scheint… btw war da nicht was in Bethlehem? Na ja, Weihnachten gehört nun der Industrie. Mit den Pelzmänteln stolzieren New Yorkerinnen über die 5th Avenue und führen ihre bekleideten Hunde spazieren. An der Wallstreet sehe ich Christmas singers, wie ein Ghospelchor stehen sie da…

Schlittschuhbahn am Rockefeller Center in New York
Schlittschuhbahn am Rockefeller Center in New York
Ghospel Chor an der Wall Street
Ghospel Chor an der Wall Street
New York Central Park
New York Central Park

Aber man soll nicht in Erinnerungen schwelgen. Also:

Weihnachten dieses Jahr

6:50Uhr: Mein Wecker klingelt. Ich wache in einem unterkühlten Raum auf. Die ganze Nacht war die Klimaanlage auf 26° gestellt und es hat doch nichts genützt. Ich drücke also die Schlummertaste, um mich von der Notwendigkeit abzulenken aufzustehen. Viel zu spät gehe ich aus dem Haus. Die Straßen sind nass und da man in Shanghai vor lauter Smog den Himmel nicht erkennen kann, assoziieren die Anwohner Regen. Ich taste mich also durch die Regenschirme bis zur U-Bahn Station, diesmal nicht mit neuer Jeans, sondern mit Rock und Bluse. Die U-Bahn fängt schon an zu piepen, als ich auf der Treppe bin. Ich stöckele in Blitzgeschwindigkeit die Stufen hinunter und habe das Glück, dass sich eine Märtyrerchinesin zwischen die Türen geworfen hat, als diese gerade zufielen. So… in New York würde die Tür jetzt sofort aufgehen und in jedem anderen Land, wo ein Transportunternehmen keine Lust auf einen ausgefeilten Rechtsstreit hat auch. In Shanghai steckt sie also eine Weile fest. Ihre Freundin hinter ihr versucht sie in die Bahn zu pressen. In der Zeit habe ich es geschafft, das Ende der Stufen zu erreichen, drücke noch einmal gegen die beiden Frauen gegen und wir stolpern zu dritt in die U-Bahn, die daraufhin die Türe schließt.

Teddytanne und ein Mädchenchor im Einkaufszentrum in Shanghais Innenstadt
Teddytanne und ein Mädchenchor im Einkaufszentrum in Shanghais Innenstadt
Eine Weihnachtsmann-Figur in der Innenstadt von Shanghai
Eine Weihnachtsmann-Figur in der Innenstadt von Shanghai
Killerweihnachtsmann in Shanghai bei Nacht
Sie leuchtet bei Nacht

Statt der Brooklyn Bridge werde ich heute in meiner Mittagspause zur Nanpu Bridge fahren. Allerdings nicht, um sie zu überqueren, sondern um zu einem Schneidermarkt ganz in der Nähe zu gehen und meine neuen Kleider zu begutachten. Weihnachtsshoppen gehört eben überall auf der Welt dazu :) Statt Breaker werde ich allerdings wohl eher auf Bettler treffen und zwar genau auf die drei Bettler, die jeden Tag dort sind und jeden Tag die gleiche Performance darbieten. Und plötzlich fällt mir wieder ein, warum ich in einem unterkühlten Zimmer, in einer U-Bahn und auf meinem Bürostuhl die Festtage verbringe. Es ist nicht Weihnachten, das im Westen gefeiert wird, sondern ein Andrang an Marken, die verkauft werden wollen. Und wo ich mich letztes Jahr für ein Fest zwischen Hochhäusern entschieden habe, stecke ich nun in einem von ihnen auf der anderen Seite der Weltkugel drin. In NYC ist das Fest wie alles andere im Big Apple attraktiv in Szene gesetzt. Es ist ein Fest, das einem vormacht, wie schön sich die Stadt der Träume darstellen kann. In Shanghai sehe ich Teddytannen und Killerweihnachtsmänner auf der Straße und es kommt mir fast zynisch vor, wie ein Volk, das nicht einmal weiß, was es tut, mit seiner Interpretation des wichtigsten Festtages im westlichen Jahr dem Westen einen expressionistischen Spiegel vorhält. Es ist, als würde dieses Land lachend rufen: “Guckt mal! Das habt ihr aus eurer Religion gemacht! Ein Geraufe und Gequetsche für die letzte U-Bahn den letzten Schal, ein Regen voller geschmackloser Dekorationen und eine Vaterfigur, rot bekleidet mit weißem Bart, die heruntergesetzte Geschenke auf dem Fakemarkt Weihnachtsmarkt kauft.”

Es ist ein anderes Weihnachten und ein schönes Weihnachten. Wo auch immer ihr die Festtage verbringt, ich wünsche euch eine wunderschöne Zeit!

 

Anmerkung 2014: Shanghai war für mich eine fantastische Erfahrung, eine pulsierende Stadt mit vielen netten Menschen, in der ich mich immer wohl gefühlt habe. Aber was war los mit der Deko? :D Für mehr Bilder aus der Metropole siehe Shanghai in Bildern.

Frohe Weihnachten an alle Leser und Freunde!

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